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Psychosoziale Betreuung

 

Kognitive Defizite, Krankheiten und Psychodynamiken werden berücksichtigt. Konkrete Konflikte, Belastungen, Verluste oder Verhaltensauffälligkeiten werden bearbeitet. AusbildungskandidatInnen zu Klinischen und GesundheitspsychologInnen arbeiten als Co-TherapeutInnen in der psychosozialen Betreuung mit.

 

 

 

Spiritualität in der Praxis, erzählt von Michael Mattersberger

So kann ich exemplarisch von einem der vielen Gespräche berichten, die im Alter, im Angesicht des Todes, immer wieder stattfinden. Ich war bei Frau Grete (Name geändert), einer sehr gebildeten Frau, die mir erzählte welche Verluste sie in der letzten Zeit erleben musste, dass sie Mann und Wohnung verloren hatte, gesundheitliche Einbußen aufgrund eines Schlaganfalles hinnehmen müsse und im Rollstuhl sitze, wo sie doch vor einem Jahr noch zu Hause lebte, in ihrem hohen Alterversuchte ein Studium zu beginnen und noch bei bester Gesundheit war. Sie haderte mit ihrer Lebenssituation und sagte, dass ihr Leben fast unerträglich geworden sei, dass die Belastungen aufgrund von Krankheiten und Alter so hoch seien, dass sie es kaum ertragen könne. Im Laufe des Gespräches sagte sie mir auch, dass sie es begrüßen würde, wenn sie sterben könnte. Auf diese Aussage hin musste ich als Psychologe fragen, ob sie Gedanken habe, sich das Leben zu nehmen. Frau Grete stoppte, schaute auf den Boden und sprach lange kein Wort. Ich fragte noch einmal nach, da ich schon in diesem Moment spürte, dass Frau Grete durch diese Frage besonders berührt wurde. So fragte ich sie noch einmal, ob sie schon einmal darüber nachgedacht habe, sich das Leben zu nehmen und nach einer Weile antwortete sie mir, „Ja, gerade heute Morgen, gerade heute Morgen konnte ich den Gedanken noch beiseite schieben.“ Das Gespräch nahm seinen Verlauf über die Belastungen des Alters, der Krankheit, das nicht Ertragen können und ich fragte auch weiter, was heute Morgen passiert war, dass sie sich doch nicht das Leben genommen hatte. Sie sagte „Wegen der Familie, wegen der Kinder und wegen der Freunde. Das ist das, was mich am Leben gehalten hat.“ Da spürte sie was sie am Leben hielt, doch der Zugang zu diesem Kraftvollen war erschüttert.

 

Das Gespräch verlief weiter über Ableben, über hohes Alter und Krankheit und im Kontext des Todes. Da Frau Grete eine sehr religiöse Frau und in einen sehr katholischen Kontext eingebunden war, kamen wir auch auf religiöse Themen zu sprechen. So sagte sie, sie sei trotz ihrer katholischen Grundhaltung doch eine Agnostikerin, man müsse ihr also schon beweisen, dass es einen Gott gibt und gleichzeitig sagte sie, natürlich gebe es keinen Beweis für Gott. Wo sie dennoch Gott spüren könne, sei die vierte Strophe der Deutschen Messe. Franz Schuberts „Heilig, heilig, heilig“, wo es heiße „Er, der nie begonnen, er der immer war, ewig ist und waltet, sein wird immer dar.“ So wie sie das sagte, war das ein besonderer Moment, der sehr berührend und strahlend war. „Der, der immer da war und ist.“ Dieses Gespräch hatte ein paar spirituelle Momente, es waren Momente, in denen die Patientin die Berührung zum Wesentlichen, die Berührung zum Leben spürte. Es war der Moment der Stille nach der Frage, ob sie Gedanken habe, sich das Leben zu nehmen. Man spürte die Betroffenheit, das Berührtsein vom Wesentlichen, von einer Lebensfrage: Will ich leben? Will ich sterben? Welche Möglichkeiten habe ich? Welchen Wert hat das Leben? Es war weiterhin zu spüren in der Antwort auf die Frage, was sie hinderte, sich das Leben zu nehmen, in ihrer Antwort nach der Beziehung und der Liebe zur Familie und zu den Freunden. Und es waren auch das Strahlen und die Berührung durch die Beschreibung von Franz Schuberts Sanctus. In vielen dieser psychologischen und psychotherapeutischen Gespräche, aber auch in Gesprächen des Alltags kann man immer wieder diese Momente des besonderen Berührtseins, der besonderen Tiefe, des besonderen Geheimnisses im eigenen Leben, im Leben des anderen und vielleicht auch im Kontext eines tieferen Geheimnisses des Lebens spüren. Vielleicht auch so wie es die Hirten beim Anblick des Kindes erkannten und spürten.

 

Hilflose Trauer, erzählt von Michael Mattersberger

Immer wieder erleben wir in unserem Arbeitsalltag, dass aus einer Hilflosigkeit bei helfenden Diensten, aus hilflosen Reaktionen der Patienten selbst, aus Zeitmangel oder Überforderung der Angehörigen zu Psychopharmaka gegriffen wird. Oft wird die Wirkung der Medikamente sehr wenig geprüft, sodass sie bei unzureichender oder sogar schädlicher Wirkung wieder abgesetzt werden können. So geschieht es auch bei vielen meiner psychologischen Begleitungen älterer Menschen, dass oftmals aus einer Hilflosigkeit heraus zu schnell, zu viel und über einen zu langen Zeitraum Psychopharmaka verabreicht werden.

Dies passierte bei meiner Begleitung von Frau Maria (Name geändert), die ihren Mann verlor und sich selbst in einem beginnenden dementiellen Abbau befand. Ich begleitete Frau Maria und ihren Mann Anton (Name ebenfalls geändert) schon etwa ein Jahr lang zuhause und auch in ihrem Übergang von zuhause ins Wohnheim, wo sie gemeinsam ein Zimmer beziehen konnten und sich nach einer längeren Eingewöhnungsphase recht gut eingelebt hatten. Nach einiger Zeit bekam Anton eine Lungenentzündung. Schon seit Jahren wollte er lieber sterben als leben, weil ihm das Leben zu schwer geworden war und durch die Lungenentzündung wurde er sehr schwach und verstarb schließlich.

 

Seine Frau Maria hing sehr an ihm, vielleicht war das auch ein Grund dafür, warum er so lange nicht hatte sterben können. Nach diesen langen Ehejahren war sie nun allein im Wohnheim und wartete oft auf die Besuche der Kinder und Enkelkinder, trotzdem ergriff sie eine hohe Einsamkeit, die sie sehr betroffen machte, ihre kognitiven Beeinträchtigungen verstärkte und sie sehr in Unruhe brachte. Diese Unruhe ließ sie oft vom Wohnheim nach Hause laufen. So vergingen ein paar Monate und es rückte der erste Allerseelentag näher. Ich war in dieser Woche leider auf Urlaub, doch die Pflege erzählte mir, dass sich die Situation in diesen Tagen sehr zugespitzt hatte. Frau Maria wollte nach Angaben der Pflege nicht mehr leben, sie öffnete das Fenster, wollte hinaus, ihren Mann suchen, wollte vielleicht zu ihm.

Sie sprach in nicht realitätsnahen Gedanken darüber, dass ihre Kinder gestorben seien, dass auch andere Angehörige und weitere Menschen aus ihrem Umfeld gestorben seien, sie nun allein sei und ebenfalls nicht mehr leben wolle. Aufgrund dieser Gefährdung wurde sie ins psychiatrische Krankenhaus überwiesen, wo sie zwei oder drei Wochen blieb. Sie kam verändert wieder, hatte eine medikamentöse „Einstellung“ hinter sich und schien wieder einigermaßen zu „funktionieren“. Sie funktionierte so, dass sie im Wohnheim blieb, sie war nicht gerne hier, aber sie blieb in ihrem Zimmer, schlief viel und es hatte, mit durch die medikamentöse Therapie, verhindert werden können, dass sie sich das Leben nahm. Die psychische Belastung war sicher auch weniger hoch und, auch wenn sie nicht gerne am Leben war, war es doch erträglich für sie. Jede Woche kam ich zu ihr, wir redeten viel über ihre Verluste, über den Schmerz nicht mehr zuhause sein zu können und die Trauer über den Verlust ihres Mannes. Doch sie wurde immer stiller. Die Gespräche wurden immer karger und Frau Maria verstummte zunehmend, vielleicht auch wegen des fortschreitenden dementiellen Abbaus, aber man sah auch ihre emotionale Anspannung im Hintergrund und dass es ihr immer schlechter ging. Nach der medikamentösen Therapie, die ihr das Leben zunächst einigermaßen erträglich gemacht hatte, folgte ein sehr starker kognitiver Abbau und nach einer emotionalen Verflachung eine sehr starke emotionale Anspannung im Hintergrund, die man äußerlich sehen konnte. Frau Maria „funktionierte“ zwar und war kaum auffällig, zeigte jedoch trotzdem eine hohe kognitive und emotionale Symptomatik sowie Verhaltensänderungen, die im Wohnheim kaum auffielen. Aufgrund dieser Entwicklung gab ich der Pflege die Rückmeldung, dass die Schweigsamkeit, die innere Anspannung und der zunehmende Rückzug von Frau Maria meiner Meinung nach auch mit der medikamentösen Therapie zu tun hatten. So ging man daran Medikamente wieder abzusetzen und man konnte deutlich sehen, wie sich die emotionale Anspannung verringerte, Frau Maria von Woche zu Woche strahlender wurde und allein durch das Absetzen der Medikamente wieder Leben in sie zurückkehrte. Ihre kognitive Beeinträchtigung und vor allem der schnell fortschreitende kognitive Abbau, der sicher auch im Zusammenhang mit der medikamentösen Therapie zu sehen war, blieben leider. So besuche ich sie weiterhin jede Woche. Der kognitive Abbau ist irreversibel, degenerativ. Doch das emotionale Befinden ist oft auch sehr freudig und entspannt, Frau Maria ist immer gern bereit Ausflüge zu machen, sich in Gruppen einzubringen, mit anderen am Tisch zu sitzen und das Leben wieder zu leben, weniger im Rückzug, weniger im Dämmerzustand. So kann sie nun trotz kognitiver Einbußen noch ein paar Jahre gut leben.

Bei dieser Begleitung wurden mir Fluch und Segen von Psychopharmaka wieder bewusst. Einerseits tragen sie zur Stabilisierung in kritischen Situationen bei und können so Leben retten, zumindest soweit, dass man noch funktionieren kann, andererseits können sie das Leben und die Lebendigkeit eines Menschen sowie sein psychisches Befinden auch massiv beeinträchtigen, vor allem wenn sie zu unkritisch oder unreflektiert eingesetzt werden, der Verlauf zu wenig beobachtet und nicht auf ein Absetzen der Medikamente geachtet wird und es damit zur Dauermedikation kommt. 

 

Ich werde sterben, erzählt von Petra Obrist

Ich wurde vom Wohnheim telefonisch mit der Bitte kontaktiert Frau E., eine an Schizophrenie erkrankte Patientin, zur Sonographie zu begleiten. Frau E. zeigte sich in letzter Zeit sehr ängstlich und sowohl die Fahrt und der Transport mit der Rettung als auch die Untersuchung stellten eine beängstigende und herausfordernde Situation für sie dar. Bevor ich mit Frau E. in das Rettungsauto stieg, atmete ich ein paar Mal tief durch, ich wusste dass sie sehr sensibel auf von ihr wahrgenommene Gefühle ihres Gegenübers reagieren konnte, und ich musste mir eingestehen, dass ich ein wenig nervös war, obwohl ich sie schon lange kannte - oder vielleicht gerade deshalb? Es wäre nicht das erste Mal, dass Frau E. mir oder ihr unbekannten Menschen mit Argwohn gegenüber trat und ein paar harsche Bemerkungen von sich gab, sodass ich manchmal am liebsten im Erdboden verschwunden wäre.

Ich spürte Frau E. Angst deutlich, obwohl sie sich sehr ruhig verhielt und kein Wort sprach. Auch die Untersuchung ließ sie im Großen und Ganzen ruhig über sich ergehen. Einige Male murmelte der Arzt etwas für mich Unverständliches, dass hier und da eine Auffälligkeit zu beobachten sei. Nach Abschluss der Untersuchung war mir das Ergebnis unklar. Der Arzt verabschiedete sich höflich von uns, jedoch ohne uns nähere Informationen zu geben. Sobald er das Zimmer verlassen hatte, sagte Frau E. klar und deutlich zu mir: „Ich werde sterben.“ Im ersten Augenblick war ich einfach nur überrascht, dass sie plötzlich mit mir sprach. Dann traf mich der Satz mit voller Wucht. Ich war sehr berührt in diesem Moment echter Begegnung mit Frau E.

 

 

Geschichte einer Prägung: Ledig schwanger zu Kriegsende, erzählt von Bettina Fraisl

Traudl (Name geändert) war das jüngste von drei Kindern einer gut situierten Familie und wuchs behütet und gut umsorgt in Tirol auf. Ihr Vater, den sie für seine beruflichen Erfolge sehr bewunderte, nahm sie als einziges seiner Kinder manchmal auf Bergtouren mit – das waren wunderschöne Ausflüge für Traudl, auf denen sie sich ihrem Vater nahe fühlte, vertraut und geborgen, und die sie und ihre Liebe zu den Bergen sehr prägten. Bis ins hohe Alter zählten Spaziergänge und Wanderungen in der Natur zu den schönsten Momenten in ihrem Leben, erzählte Traudl immer wieder.

Als der 2. Weltkrieg ausbrach, war Traudl eine junge Frau, gerade erwachsen. Sie arbeitete fleißig und war in gutem Einvernehmen sowohl mit ihrem Arbeitsumfeld als auch mit ihrer Familie, die ihr sehr wichtig war. Oft betonte sie in ihren Erzählungen, dass man sich die Zeit damals heute kaum vorstellen könne. Wenn man später geboren sei, könne man nicht wissen, wie es damals war. Einmal habe eine Bombe das Haus direkt neben jenem ihrer Familie getroffen, es sei dadurch vollkommen zerstört worden. Die permanente Angst, der Schrecken ringsum, die allgemeine Orientierungslosigkeit und das Chaos hätten zu einer großen Unsicherheit geführt, zu einer Lebensweise ohne Pläne und ohne Planbarkeit.

 

 

Wortlos vertraut, erzählt von Daniela Siegele

Anton ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, voll pflegebedürftig und kann sich nur durch Mimik, Blinzeln, Kopfwegdrehen und Handdrücken verständigen. Früher war er unter anderem Sraßenmaler und so fahren wir an einem kalten Tag durch die Gänge im Wohnheim und betrachten die neuen Bilder. Ich erzähle ihm zu den Bildern Geschichten, die in mir aufsteigen, mache scherzhafte Bemerkungen, hole ihm einzelne Bilder von der Wand, damit er mit dem Finger die Struktur erfühlen kann, und hänge eines aus Spaß verkehrt herum wieder auf.

 

Anton wirkt entspannt und fröhlich, grinst über meine Scherze und ist erstaunlich aufmerksam. Auf einmal ändert sich sein Gesichtsausdruck, er wirkt nachdenklich, traurig. Ich hocke mich zu ihm neben seine Liege, und er tippt mir zweimal langsam mit dem Finger gegen die Stirn. „Du willst wohl sagen, dass ich einen Vogel habe”, sage ich zu ihm. Er lächelt kurz, sammelt sich dann wieder, tippt mir noch einmal leicht gegen die Stirn und streicht mir dann eine Haarsträhne aus dem Gesicht - eine Geste, die wortlos Vertrautheit und Verbindung bekundet. Auch wenn ich meist nicht weiß, was Anton denkt, und nur erahnen kann, wie er sich fühlt, so sind Kommunikation und Beziehung dennoch möglich und das, was er noch geben und tun kann, ist viel mehr, als vielfach erwartet wird.

 

Ins Herz geschlossen, erzählt von Michael Mattersberger

Eine besonders innige und berührende Begleitung erlebte ich mit Hermi, einer intelligenzgeminderten Frau, die schon seit längerem im Wohnheim lebte. In der ersten Zeit weinte und jammerte sie häufig und anhaltend und hatte einige psychosomatische Beschwerden, doch im Laufe der Jahre wurden das Weinen und Jammern weniger und seltener, und wir hatten wirklich schöne Zeiten. Jede Woche machten wir gemeinsam einen Ausflug, gingen etwa igendwohin Eis essen, ins Café, selbst bei Operationen war ich mit der Zeit ihr Begleiter auf der Klinik. Wir hatten eine außergewöhnlich gute Beziehung, wir hatten einander beide sehr ins Herz geschlossen, sie mich und ich sie.

 
 

Bittersüße Weihnachtszeit, erzählt von Michael Mattersberger

Bereits ein halbes Jahr begleitete ich Frau Wibmer in einer psychosozialen Therapie, die anfangs sehr herausfordernd war. Frau Wibmer litt nämlich unter einer paranoiden Schizophrenie, die zur Folge hatte, dass sie Menschen gegenüber sehr misstrauisch war und ein Beziehungsaufbau sich daher sehr schwierig gestaltete. Nach zwei, drei Monaten ließ mich Frau Wibmer schließlich länger als eine halbe Stunde bei ihr sitzen, erzählte mir von ihrem Alltag und vertraute mir immer mehr von ihrer Lebensgeschichte an. Stets kam ich an einem Dienstag Nachmittag zu ihr, und wir pflegten mittlerweile ein kleines Ritual, das darin bestand, dass wir zu Beginn miteinander Kaffee tranken und manchmal am Ende der Gespräche eine Platte von Elvis Presley auflegten. Ein paar Monate vergingen, zunehmend entwickelte sich eine sehr gute Beziehung zwischen uns und unsere Gespräche gewannen für Frau Wibmer an Bedeutung.

Schon kurz nach Allerheiligen kamen bei Frau Wibmer erste Weihnachtsfreuden auf. Die Aussicht auf Weihnachten schien sie zu beglücken, sie stellte einige Engel auf, und ich half mit, das Zimmer weiter zu dekorieren.

 

 

Sicherheit und Halt, erzählt von Manuela Zeidler

Vor ca. zwei Jahren lernte ich Frau C. kennen. Damals hatte sie schon mehrere stationäre psychiatrische Aufenthalte hinter sich und eine ambulante Betreuung bereits abgebrochen. Sie lebte noch zuhause, hatte jedoch aufgrund ihrer erhöhten Unruhe und ihrer häufigen Angstzustände  erhebliche Probleme  in der Alltagsbewältigung.  Dies äußerte sich beispielsweise darin, dass sie ihre Angehörigen häufig anrief und zwanghaft Tätigkeiten kontrollierte, deren Unterlassung ihre Sicherheit gefährden könnte – das Abschließen von Türen etwa oder das Abschalten des Herdes. Außerdem machte ihr Schlafmangel zu schaffen, bis dieser medikamentös gut behandelt wurde. 

Kurz nach unserem Kennenlernen durchlitt sie eine schwere Krise. Ihr Mann, der schon lange im Pflegeheim war, verstarb ziemlich plötzlich. Sie konnte sich seinen Tod nicht erklären, wo er doch noch so viel Lebenswillen gehabt hatte. Allerdings war sie froh, dass er nicht stark leiden hatte müssen.
Der Verlust ihres Mannes machte Frau C. immer wieder sehr zu schaffen. Sie war sehr froh über meine Unterstützung. Ich konnte ihr bei ihrer Orientierung helfen, indem ich ihr Zusammenhänge von Trauer und Trauerprozessen erklärte, was für sie sehr wichtig war. So konnte sie sich beruhigen und in ihrem Zustand Anzeichen von Trauerbewältigung erkennen.

 

 

Ressourcen mobiliseren und Verluste bearbeiten: Rucksäcke tragen mit Frau Amann[1], erzählt von Manuela Zeidler

Frau Amann geht es heute besser als letzte Woche. Sie beginnt nun manchmal von sich aus zu scherzen, ist aber nach wie vor immer wieder traurig. Die Last des Erlebten, insbesondere der traumatischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, und der erlittenen Verluste, allen voran des Todes ihres Mannes und des Auszugs aus dem gemeinsamen Zuhause, wiegt schwer. Zur sinnbildlichen Aufarbeitung lade ich sie zu einer Wanderung auf den Patscherkofel ein: Wir erklimmen den 2. Stock ihres Wohnheimes, und Frau Amann beschreibt, es sei sehr mühevoll hinaufzusteigen, da das Schwere, das sie erlebt habe, sie zu Boden drücke. Sie habe keine Kraft mehr, sagt sie.

„Ihr Rucksack, den Sie Ihr ganzes Leben lang mit Belastungen gefüllt haben, ist sehr schwer. Darf ich Ihnen eine Stütze sein beim Tragen?“ frage ich, an ihren Schwindel denkend, und reiche ihr meine Hand. Frau Amann lächelt dankbar und fängt mit sichtbarer Anstrengung an, Stufe um Stufe nach oben zu steigen.

 
 

[1] Der Name wurde geändert. Das Bild auf dieser Seite steht in keinerlei Zusammenhang mit diesem oder einem der folgenden Texte.

 

Ein denkwürdiger Silvesterabend, erzählt von Michael Mattersberger

An einem Silvesterabend freuten sich meine Frau, die am Neujahrstag Geburtstag hat, und ich darauf, nach längerer Zeit wieder einmal miteinander auszugehen. Meine Eltern waren da, um bei unseren Kindern zu bleiben, und wir waren gerade im Aufbruch, als das Telefon klingelte, und die Pflege anrief, ich solle bitte schnell kommen, es handle sich um einen Notfall, eine Patientin von mir sei ganz außer sich und randaliere dort.
Ich bat meine Frau, kurz auf mich zu warten, ich sei bestimmt gleich zurück.

Der Anblick, der sich mir im Wohnheim bot, erschreckte mich. Eine Frau mit Demenz und großem psychischen Leid, die ich seit Jahren betreute, hatte eine psychotische Episode. Schon im Gang kam sie mir mit veränderter Stimme, ungewohntem Gangbild und einer hängenden rechten Schulter entgegen und gab seltsame Laute von sich. Die PflegerInnen saßen verängstigt im Dienstzimmer und trauten sich nicht mehr heraus.
Ich ging auf die Patientin zu und nannte sie beim Vornamen. Erst gab sie mir zur Antwort, dass ich ein Hurenbock sei und verschwinden solle, doch mit der Zeit machte sich unsere wirklich gute Beziehung bemerkbar und sie ließ sich dazu bewegen, auf ihrem Platz im Essraum zu sitzen. Sie erzählte mir, welche Personen sie gerade sehe, dass ein Mann auf sie zukomme und sie misshandle, und dann rief sie wieder: „Lass mich los, schau, dass du weiterkommst, verschwind!“ Für mich war deutlich, dass sie halluzinierte, bis ich auf ihren Arm schaute, der sich tatsächlich nach außen drehte, als ob jemand daran ziehen würde. Einen Moment lang erstarrte ich und war mir selbst nicht mehr sicher, ob da nicht eine Geisterhand im Spiel sei. Doch dann betrachtete ich den Arm genauer und erkannte, dass der Oberarm gebrochen war. Die Frau war im Stiegenhaus über die Treppen gestürzt und aufgrund ihrer Schmerzen in einen psychotischen Zustand gefallen. Als mir das klar wurde, verständigten die PflegerInnen und ich sofort die Rettung und die Angehörige, welche mit in die Klinik fuhr.
Etwa gegen 22 Uhr war ich wieder zuhause, ganz mitgenommen von den Ereignissen, und viel zu erschöpft, um ans Ausgehen auch nur zu denken.

 

 


[1] Die Namen wurden geändert.